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Die Schafställe in Hülsen

Entstehung

Huelsen01Wo es Heide gab, da gab es auch Schafställe. Die Besonderheit der Schafställe in Hülsen liegt darin, dass die städtebauliche Gruppierung als einmalig anzusehen sein dürfte. Hier standen die Ställe am Rande des Dorfes auf engem Raum nebeneinander. Eine erkennbare besondere Ordnung gab es nicht. Wohl aber war jede einzelne Grundfläche eines Stalles ein im Eigentum seines Besitzers stehendes Flurstück, das wiederum innerhalb einer offensichtlich gemeinschaftlich genutzten und  später dem Realverband Wegegenossenschaft zugerechneten Fläche lag. Die Vermutung einer genossenschaftliche Schafzucht liegt in Hülsen also nahe.

Das Alter der Ställe

Es ist kaum zu glauben: Als Hermann Löns um die Wende vom 19. auf das 20. Jahrhundert in seiner „Geschichte vom Zaunigel“ die vielen Schafställe und Scheunen mit dem mächtigen Eichenbestand und dem Ziehbrunnen und dem nahegelegenen Bach beschrieb, da standen diese Gebäude – jedenfalls zum Teil – bereits seit über 200 Jahren. Ein heute noch am Stall der Familie Helberg vorhandener Türbalken trägt die Jahreszahl 1685.

Warum Schafe?

In den Heide- und Moorlandschaften Niedersachsens waren die Schafe für die Bauern unverzichtbarer Bestandteil ihrer Hofwirtschaft. Sie waren nicht nur an das Leben in diesen Gebieten angepasst, sondern von ihren Eigenschaften her geradezu notwendig, um den Bauern überhaupt eine Existenzgrundlage zu schaffen. Auf den kargen Böden wuchs nur Heide. Heide war Schaffutter. Heide wurde als Einstreu für andere Hoftiere benötigt. Heide brauchte Pflege; das übernahmen Schafe durch ihren Verbiss. Schafwolle wurde für Kleidung benötigt. Schafe erzeugten wertvollen Mist zur Erhöhung der landwirtschaftlichen Erträge.

Und schließlich lieferten Schafe Fleisch.

Warum Schafställe?

Huelsen02Aufgrund seines wärmedämmenden Vlieses ist das Schaf sehr gut auch gegen winterliche Kälte geschützt. Aus Witterungsgründen müsste es deshalb nicht unbedingt Ställe geben.  Aber ein Stall – zumal, wenn er weit außerhalb des Hofes stand – bot natürlich auch Schutz gegen andere Unbilden, z.B. gegen Wölfe, die es hier noch bis ins 19. Jahrhundert hinein gab. Aber auch der wertvolle Mist hätte nicht gewonnen werden können, wenn die Schafe zu bestimmten Zeiten nicht im Stall gehalten worden wären. Das galt natürlich insbesondere für die Hofställe, die im wesentlichen als Winterställe dienten. In die Winterzeit fiel auch die Ablammzeit, so dass die Ställe den Lämmern Schutz gaben.

Bauart der Hülsener Schafställe

Schafställe befanden sich entweder in Hofnähe (Hofställe) oder direkt in Heidegebieten bzw. ehemaligen Heidegebieten (Außenställe). Gleich war allen Ställen, dass sie nicht völlig geschlossen waren. Wichtig war, dass die Schafe mit ihrem hohen Sauerstoffbedarf immer frische Luft bekamen. Natürlich unterschied sich die Bauweise der Außenställe durchaus von denen der Hofställe. Hofställe waren wegen der längeren Aufenthaltsdauer der Schafe in der Winterzeit höher gebaut. Aber auch deshalb, weil in ihnen als Einstreu Heidplaggen verwendet wurden; das war das Heidekraut mit der obersten Humusschicht. Und die Hofställe wurden auch zur Lagerung anderer Materialien genutzt, z.B. für Rauhfutter. Deshalb hatten die Hofställe regelmäßig Dachböden. Gemeinsam war beiden Stallarten  die bis zu einem halben Meter vertieften Stallböden. Die in Hülsen vorhandenen Ställe sind von ihrer Bauweise her den Hofställen zuzurechnen.

Entwicklung

Aus alten Katasterplänen kann entnommen werden, dass in Hülsen ursprünglich mehr als 30, vermutlich 34, Schafställe gestanden haben. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts gab es in unserem Bereich in Dörfern von einer bestimmten Größe ab die “Hut- und Weidevereinigungen“ unter den Bauern (Interessenten). Je nach Tiergattung beschäftigten sie Hirten. Die Schafhirten hießen Schäfer. Sie hatten  einerseits wegen der wirtschaftlichen Bedeutung der Schafzucht, andererseits aber auch wegen ihrer Kenntnisse über die heilende Wirkung von Pflanzen eine hervorgehobene Stellung und waren nach dem Bauern und dessen ältesten Sohn (dem Anerben) die nächsthöheren Respektspersonen. Dementsprechend trug der Schäfer in bestimmten Gegenden eine eigene Tracht, zu der immer auch der Schäferstab gehörte. Seine Bezahlung bestand größtenteils aus Naturalien, z.B. Kleidungsstücken und Schuhen, einer Anzahl eigener Schafe, eine bestimmte Menge Hafer und Buchweizen, die vom Bauern für ihn angebaut wurde, und darüber hinaus einem Barbetrag. Dabei spielte natürlich die Anzahl der Schafe unter seiner Obhut eine Rolle.

Wegen der genossenschaftlichen Schafhaltung in Hülsen muss davon ausgegangen  werden, dass die Bauern auch den Schäfer gemeinschaftlich beschäftigten. Wie viele Schafe zu welcher Zeit in Hülsen in den Schafställen lebten, ist schwer festzustellen. Nach dem Viehschatzregister des Amtes Rethem von 1564 gab es in Hülsen immerhin schon 123 Schafe. Aus der Anzahl der Ställe einerseits und aus anderen bekannten Größen wie der Faustregel „1 Schaf auf 5 Morgen Feldland“ kann davon ausgegangen werden, dass durchaus einmal 500 bis 700 Schafe die Hülsener Schafställe „bevölkerten“. Das war nach den vorliegenden Erkenntnissen von einem Schäfer nicht zu bewältigen. Höchstens 400 Schafe konnte ein Schäfer betreuen. Deshalb wird es in Hülsen sicher auch mehrere Schäfer nebeneinander gegeben haben. Bekannt ist, dass in der Schafhaltung der „Grotscheper“ (Großschäfer) vom „Lüttjen Scheper“ (kleiner Schäfer) unterschieden wurde.

Mit der Verbreitung des Kunstdüngers ließ die Bedeutung der Schafe für die Verbesserung karger Böden nach. Entsprechend nahm auch die Anzahl der Schafe ab; die Schafställe hatten keine Bedeutung mehr und verfielen. Teilweise wurden sie abgerissen, teilweise auch an anderer Stelle mit anderer Nutzung, in einem Fall sogar als Wohnhaus, das heute noch als solches genutzt wird, wieder aufgebaut. 7 Schafställe sind heute noch an ihrem ursprünglichen Standort erhalten. 2 Ställe sind wieder aufgebaut worden, nachdem sie zwischenzeitlich an anderer Stelle gestanden hatten bzw. zwischengelagert waren. Die insgesamt 9 Ställe stehen heute als Ensemble unter Denkmalschutz. Die in Hülsen in den Jahren 1989 bis 1999 laufende Dorferneuerung war Grundlage für den Beginn einer Restaurierung der Gebäude. Insgesamt  4 Ställe konnten in dieser Zeit mit Landes-, Kreis- und Gemeindemitteln sowie erheblichen Eigenleistungen der Eigentümer bzw. des Kulturförderkreises Hülsen saniert bzw. restauriert werden. Weitere Ställe sind restaurierungsbedürftig, eine entsprechende Finanzierung konnte bisher nicht erreicht werden.

Heutige Nutzung der Schafställe

Die westlich des Schützenweges gelegenen 2 der Ställe sind Eigentum der Gemeinde Dörverden. Sie sind dem Kulturförderkreis Hülsen durch entsprechende Verträge zur Nutzung übergeben worden. In dem einen Stall, der restauriert worden ist, hat der Kulturförderkreis eine Dauerausstellung mit alten bäuerlichen und handwerklichen Gerätschaften eingerichtet. Der andere dort wieder aufgebaute Stall dient als Lagerraum für Stühle, Tische und andere Gerätschaften, die bei Veranstaltungen genutzt werden. In ihm findet jedes Jahr am Volkstrauertag eine Ausstellung mit bestimmten dörflichen Themen statt. Ein in Privatbesitz stehender Stall ist dem Kulturförderkreis im Jahre 2008 zur Nutzung überlassen worden. Er wird vom Verein renoviert und dann ebenfalls Vereinszwecken dienen. Die anderen Ställe sind in privater Hand und werden auch privat genutzt. Sie dienen als Holzlager, Unterstellplatz für Fahrzeuge und Geräte oder als Strohballenlager.

Künftige Nutzung der Schafställe

Der Kulturförderkreis Hülsen ist daran interessiert, die Schafställe als Ensemble zu erhalten und der Nachwelt zu präsentieren. Das setzt voraus, dass sie mit Leben erfüllt und überörtlich beworben werden. Ihre Lage unmittelbar am Radweg auf der ehemaligen Bahntrasse Verden – Schwarmstedt – Celle bietet also insbesondere im Bereich des Radtourismus in dieser Hinsicht Chancen. Deshalb wird es das Bestreben des Vereins sein, durch eine entsprechende Gestaltung des gesamten Areals, durch kulturelle Veranstaltungen in diesem Bereich und letztlich durch Einrichtung eine Informationsstelle möglichst viele Menschen für die Ställe zu interessieren und ihnen anschaulich die Gebäude und deren Historie und Bedeutung zu präsentieren.

 

 

So finden Sie das Schafstallviertel Hülsen